Wenn die Angst im Bilderbuch umgeht ... Entwicklungsspezifische Ängste in frühliterarischer Gestaltung

Denise von Stockar-Bridel

Zusammenfassung

Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts interessiert sich die traditionsgemäss pädagogisch und utopisch ausgerichtete Kinderliteratur immer mehr für die kindliche Realität in ihrer ganzen Komplexität und Konflikthaftigkeit. Besonders das Bilderbuch wird zu einem privilegierten Medium für wirkungsvolle Inszenierungen von psychischen Phänomenen und Prozessen. Dank seiner doppelten Sprache – der graphischen und der literarischen – vermag es, komplexe Empfindungen und Erfahrungen in anschauliche Bilder und einfache Worte zu fassen, indem es sie spiegelt oder metaphorisch gestaltet.

Zu den thematisierten Affekten gehören die entwicklungsspezifischen Ängste, die entsprechend ihrer grossen Rolle im kindlichen Leben einen wichtigen Platz in der zeitgenössischen Bilderbuchliteratur einnehmen.  Dabei können zwei Kategorien unterschieden werden: Verschiedene Titel thematisieren objekthafte, beziehungsbezogene Ängste, die in systemischer Optik dann aufkommen, wenn das Kind dem Anderen begegnet, mit dem es sich auseinandersetzen muss. Zahlreicher noch sind die Titel, welche subjekthafte, innerpsychische Ängste inszenieren, die in psychodynamischer Perspektive die kindlichen Bemühungen begleiten, zwischen den Bedürfnissen seiner Innenwelt und den Anforderungen der Aussenwelt zu vermitteln; zu diesen gehören die Angst vor Trennung und Vernichtung, die Angst vor den eigenen unkontrollierbaren Affekten und vor allem vor dem Verlust der elterlichen Liebe.

Interessante Ausnahmen bilden Bilderbücher, welche die existentielle Angst vor dem Leben, respektive Tod – oder grundsätzliche Strategien zur Bewältigung von Angst gestalten. Grundsätzlich überzeugen diejenigen Bilderbücher, welche die subjektiven Angsterfahrungen ihrer Helden und Heldinnen jeweils mit ihrer lebenswichtigen Beziehung zu den Eltern oder wichtigen Bezugspersonen in Verbindung bringen.

Bilderbücher können kleine Kinder beim persönlichen Umgang mit Angst unterstützen, wenn sie, von Erwachsenen vermittelt, zu Katalysatoren Angst bewältigender Prozesse werden und damit einen Schonraum schaffen, in dem das Kind mit Hilfe seiner noch sehr lebendigen Fantasie eigene Strategien zur Bekämpfung von Angst zu entwickeln vermag.

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