Vom ‚Anderen‘ zum ‚Anderssein‘? Der Wechselbalg in „Saaski aus dem Moor“

Simone Stiefbold

Zusammenfassung

Wechselbälger als ausgetauschte Kinder sind in sogenannten Volkserzählungen bekannt und das Motiv des Austausches durch numinose Gestalten oder ‚Fremden‘ als potenzielle lebensweltliche Gefahr verbreitet. Gerade in den Sagen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts wird neben dem Austausch – und dem geglückten oder nicht geglückten Rücktausch – auch das störende Verhalten und das abweichende Äussere, an dem der Wechselbalg als nicht eigenes Kind zu erkennen sei, thematisiert. Die Perspektive des Wechselbalges selbst, die Frage nach der Intention seines negativ auffallenden Verhaltens findet in der Logik der Sage keinen Platz. In der phantastischen Literatur kann die Figur des Wechselbalges dagegen anders perspektiviert werden, kann zur Heldin oder zum Helden der Erzählung werden, wie etwa in dem Kinderbuch Saaski aus dem Moor der US-amerikanischen Schriftstellerin Eloise McGraw (1915-2000), das in der englischen Originalausgabe The Moorchild erstmalig 1996 erschien. Hier findet eine Wechselbälgin in einer Autorinnenerzählung selbst zur Sprache und schliesslich auch ihren Platz in der Welt. In der Erzählung werden Findungsprozesse sichtbar, die sich auch an der Aushandlung des Selbst zwischen ‚ganz Anderem‘ in Form einer numinosen Gestalt und (ver-)alltäglichtem ‚Anderssein‘ entwickeln. Dabei sind gerade auch Benennungen Teil dieser Aushandlungen von Identitäten, die nicht als feststehend und geschlossen, sondern als offene, andauernde Identifikationsprozesse verstanden werden: Wer und was bin ich oder kann und möchte ich sein, welche Rolle spielt dabei das Erzählen und Benennen von mir, das Sprechen über mich? In diesem Spannungsverhältnis, in dem Anderes am Eigenen wirkt und das eigene Andere ins Selbst eingeholt wird, werden dann auch Selbstermächtigungsprozesse bedeutungsvoll und eigene Ordnungen auf dem Hintergrund produktiver Grenzerfahrungen geschaffen. Nicht nur der Heldin, sondern auch den Leserinnen und Lesern zeigt dies, wie Möglichkeitsräume des Selbst geöffnet und erprobt werden können und wie das Andere als ‚Anderssein‘ schliesslich als alltäglicher Teil des ‚Menschseins‘ verstanden werden kann.

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